Beratung und Bildung

Beratung als Lernprozess verstehen
Pablo Asensio und Thomas Mirsch stellen die bayerische Sicht dazu dar

Die Internationale Akademie land- und hauswirtschaftlicher Beraterinnen und Berater (IALB) ist ein Zusammenschluss von Beratungskräften ost- und westeuropäischer Staaten. 700 Fachleute aus 17 verschiedenen Nationen sind darin vertreten. Die Autoren stellen hier ein erwachsenenpädagogisches Verständnis der Beratungsarbeit mit den im ländlichen Raum wirtschaftenden bäuerlichen Familien-Unternehmen zur Diskussion.

Die Beratungsarbeit der in der IALB organisierten land- und hauswirtschaftlichen Beratungsdienste verstehen wir als Bildungsauftrag. Die Beratung hat außerdem eine zentrale Vermittlerrolle zwischen den Menschen im ländlichen Raum, den Ausbildungs- und Weiterbildungsangeboten der Beratungsdienste selbst und weiteren Bildungs- und Beratungsangeboten von Partnern und Dienstleistern. Es lässt sich nicht sinnvoll zwischen Beratungsangeboten, Qualifizierungen und Weiterbildungsmaßnahmen differenzieren. Alle drei Bereiche können der Erwachsenenbildung zugerechnet werden. Auch das verstärkt als Beratungsaufgabe wahrgenommene Innovationsmanagement kann als Steuerung eines Lernprozesses verstanden werden, da bei einer Innovation Neues Bestehendes verändert.

 

1. Beratung ist Bildungsarbeit

Ob in informellen Gesprächen oder öffentlichen Debatten, wenn von Bildung gesprochen wird, ist häufig zunächst einmal das Schul- und Hochschulsystem gemeint. So sollen beispielsweise in Deutschland aktuell die Ausgaben für Bildung bis 2015 auf zehn Prozent des Bruttoinlandsprodukts erhöht werden. Gemeint sind hier Investitionen in den allgemeinbildenden Schulen und im Hochschulbereich, v. a. in der Forschung.

 

Bildung ist jedoch ein viel umfassender zu diskutierender Begriff. Sehr verkürzt gehört zu einem pädagogischen Bildungsverständnis das Ziel, dass der Einzelne sein Leben und sein Verhalten selbstständig planen und gestalten kann sowie die Vermittlung von Kompetenzen. Bildung ist ein Entwicklungs- und Lernprozess.

 

Beim Stichwort „agrarische Bildungsarbeit“ denkt man meist zunächst an staatliche Berufsschulen,  land- und hauswirtschaftlichen Fachschulen, landwirtschaftliche Hochschulen und an die klassische Weiterbildung in Form von Lehrgängen oder Kursen, die von Bildungszentren, Bauernverbänden, Landwirtschaftskammern, staatlichen und privaten Beratungsdiensten und Forschungseinrichtungen angeboten werden.

 

Die Beratung wird in der Regel nicht unmittelbar zum Bildungsbereich gezählt. Die vorherrschende Meinung ist, dass Beratung und Bildung (Schule) sich zwar gut ergänzen, aber dass Beratung doch etwas anderes als Bildung sei.

 

Wir vertreten die Auffassung, dass Beratung eine für die Menschen im ländlichen Raum bedeutende Bildungsform ist, mit dem Vorteil sehr zielgenauenLernens. Der Bildungscharakter von Beratung wird durch die Analyse und den Vergleich von Zielen, Merkmalen und Wirkungen von Weiterbildung und Beratung deutlich. Es lässt sich nicht sinnvoll zwischen Angebotsberatung, Qualifizierungen und Weiterbildungsmaßnahmen differenzieren, da sie sehr viele gemeinsame Merkmale aufweisen (siehe Übersicht).

 

2. Gemeinsame Ziele und Merkmale von Weiterbildung und Beratung

Beratung und Weiterbildung sind zwei Formen des Wissenstransfers und des Lernens mit überwiegend gemeinsamen Merkmalen und Zielen. Sowohl Beratung als auch Weiterbildung kommen ins Spiel, wenn Menschen oder Organisationen sich verändern wollen oder müssen. Beide sind in der Regel von zeitlich begrenzter Dauer. Gemeinsam ist Weiterbildung und Beratung auch, dass sie aus Sicht des Klienten zum großen Teil auf externen Ressourcen basieren, wobei Wissen von außen eingeholt wird. Der Vorteil für den Klienten ist dabei, dass er nicht viele eigene Ressourcen binden muss, sondern flexibel und bedarfsgerecht Beratungs- und Weiterbildungsangebote nachfragen kann. Das heißt übertragen auf die Beratungs- und Bildungsangebote

der land- und hauswirtschaftlichen Beratungsdienste, dass die Landwirte und Akteure im ländlichen Raum ohne größeren zeitlichen und finanziellen Einsatz diejenigen Angebote nutzen können, die ihnen in ihrer Situation weiter helfen.

 

Ein weiteres gemeinsames Merkmal von Beratung und Weiterbildung ist deren Handlungsorientierung. Beide zielen auf Veränderungen ab, die aufgrund eines konkreten Anlasses aktiv angegangen werden sollen. Dabei trifft auf beide Bildungsformen (Beratung und Weiterbildung) jeweils zu, dass sie die Nachhaltigkeit der von ihnen angestoßenen Veränderungen nicht sicher stellen können, denn für den Lernerfolg und für die Umsetzung von Veränderungen ist der Klient selbst verantwortlich. Ob beispielsweise der Landwirt Beratungsempfehlungen annimmt und umsetzt, liegt in seiner eigenen Verantwortung. Daher sind mittel- und langfristige Effekte von Beratung und Weiterbildung zunächst nur schwer feststellbar.

 

3. Beratung: Ein pädagogischer Prozess

a) Wissenstransfer über Beratung

Um was für eine Art von Wissenstransfer geht es in der Beratung? Gegenstand von Beratung istgrundsätzlich nicht die Vermittlung von Fachwissens auf  Vorrat wie im Unterricht, auch keine als zu behandelnde Erkrankung wie in der Therapie, sondern eine Unterstützung bei einer aktuellen Problemstellung, wenn es darum geht, neue oder komplexe Situationen zu verstehen und zu meistern, den Handlungsspielraum zu erweitern oder mögliche Strategien zu entwickeln. Der Beraterhilft bei der gemeinsamen Erarbeitung von zielgerichteten Lösungen.Voraussetzung für erfolgreiche Beratung, die das ermöglicht, ist die persönliche Kenntnis der Lebenswelt des Klienten. Zwar kennen die Landwirtschaftsberater die Betriebe häufig aus eigener Erfahrung, sie müssen aber durch einen ständigen intensiven Kontakt zu den landwirtschaftlichen Betrieben auf dem Laufenden bleiben, um die Probleme auf den Betrieben zu erkennen. Nur so können die Berater entsprechend reagieren, gegebenenfalls gezielt eine Beratung einleiten und aktuelle Angebote entwickeln.

 

b) Lernen durch Beratung

In Beratungen findet Lernen statt. Beratung kann daher als pädagogischer Prozess verstanden werden. Es gibt einen Klienten bzw. Ratsuchenden und einen Pädagogen als Berater. Bei der Betrachtung von Beratung als Lernprozess stellt sich die Frage: Wie wird in Beratung gelernt, wie wird Lernen durch Beratung unterstützt? So gesehen ist Beratung eine Lernunterstützung in Form eines Dialogs zwischen Berater und Klienten. Lernen muss  er Klient selbst, der Berater hilft beim Lernen, er gibt Hilfe zur Selbsthilfe in einer konkreten Problemsituation, indem er sich versichert, dass sein Klient verstanden hat, wie seine aktuelle Situation ist und welches die Lösungsmöglichkeiten sind. Er kann für Einsicht und Akzeptanz werben und notwendige Schritte zur Umsetzung aufzeigen. Die konkrete Handlung selbst kann er nicht beeinflussen.

Auch in dem einfachen Fall einer produktionstechnischen Beratung zum Einsatz eines Pflanzenschutzmittels geht es über die vordergründige reine Information hinaus darum, dass der Landwirt diese Information braucht,

um zu erfahren und zu lernen, wie er sich in der konkreten Handlung des Pflanzenschutzeinsatzes sinnvollerweise verhält sowie Kriterien einhält, welche durch Regulierungen im Sinne des Gemeinwohls vorgeben sind. So verstanden geht es in der land- und hauswirtschaftlichen Beratung meist um handlungsorientiertes Verhaltenslernen.

 

c) Beratung von Gruppen

In Gruppenberatungen steht wie bei Einzelberatungen eine konkrete Aufgabenstellung oder Problemsituation im Vordergrund. Die Beratung gewinnt an Effizienz, da mit Gruppenangeboten mehrere Personen auf einmal zu erreichen sind. Die Gruppenmitglieder profitieren zudem vom Austausch untereinander, sie lernen voneinander – das macht diese Bildungsform besonders attraktiv. Ein Beispiel: In Milchviehbetrieben ist oft die Arbeitskraft der begrenzende Produktionsfaktor. Ein Milchvieh-Beratungsteam eines Beratungsbezirks hat sich vorgenommen, auf Verbesserungen der Arbeitswirtschaft in Milchvieh-Haupterwerbsbetrieben hin zu wirken. In einem Arbeitskreis finden sich Landwirte, die an dieser gemeinsamen Fragestellung arbeiten wollen. Gemeinsames Ziel der Arbeitskreismitglieder ist die Optimierung der betrieblichen Abläufe. Es erfolgt eine Analyse der arbeitswirtschaftlichen Abläufe durch Arbeitszeitaufzeichnungen und -auswertungen. Daran schließt sich die Umsetzung der gewonnenen Erkenntnisse in den Betrieben an.

 

d) Organisationsberatung

Die Beratung von Organisationen ist eine originär pädagogische Praxis. Denn wie bei der Einzelberatung geht es auch für die Beratung von Organisationen um Lernen und Wissenstransfer. Beratung in und von Organisationen unterstützt individuelle und kollektive organisationale Lernprozesse. Häufig geht es in der Beratung von Organisationen darum, wie Entscheidungen getroffen werden, sowie um die Reflektion von Vorgängen und Abläufen oder die Verbesserung der Zusammenarbeit.

Land- und hauswirtschaftliche Beraterinnen und Berater sind im ländlichen Raum häufig intensiv in der Organisationsberatung tätig. Berater gründen und begleiten Netzwerke und Zusammenschlüsse im ländlichen Raum, sie sind Ansprechpartner für Verbände.

Auch die Beratung eines landwirtschaftlichen Familienunternehmens kann zur Organisationsberatung gezählt werden. Hier geht die Beratungsaufgabe noch über eine „einfache“ Organisationsberatung

hinaus. In Familienunternehmen ist die Dynamik unterschiedlicher Familien- und Unternehmensmitarbeiterrollen relevant. Die besondere Herausforderung besteht darin, dass die Interessen beider Systeme (Organisation und Familie) transparent gemacht werden, die Interessen der Familienmitglieder

wahrgenommen werden und mit den Anforderungen des Unternehmens abgeglichen werden.

Über die Beratung von Organisationen kann ein großes Gestaltungspotential im ländlichen Raum genutzt werden. Die grundsätzlichen methodischen Anforderungen sind bei der Organisationsberatung die Gleichen wie bei der Gesprächsführung in der Beratung.

 

e) Schlussfolgerungen für die Qualifizierung von Beratern

Über den Erfolg der Beratung entscheidet der Kommunikationsprozess. Die Berater benötigen daher neben ihrer fachlichen Expertise eine hohe Kommunikations- und Beratungskompetenz. Aus beratungsmethodischer Perspektive sind Berater somit mit einer pädagogischen und beratungsmethodischen Ausbildung und Praxiserfahrung gut gerüstet.

 

Beispielsweise werden land- und hauswirtschaftliche Referendare in Bayern zu Beginn ihrer Laufbahn in einem zweijährigen Vorbereitungsdienst pädagogisch (Unterricht in Fachschulen) und beratungsmethodisch (Mitarbeit bei Beratungsaufgaben, Beratungsübungen in der Praxis, Beraterprüfung im Staatsexamen) geschult. In anderen Regionen, Kantonen und Bundesländern gibt es ähnlich intensive Ausbildungswege.

 

Die höhere Komplexität von Organisationen erfordert zusätzlich die Beherrschung von Managementtechniken und Kenntnisse über Veränderungsprozesse. Für den Umgang mit Gruppen, Organisationen und Netzwerken sind Moderationskenntnisse unerlässlich.

 

Die Berufsbezeichnung „Berater“ ist nicht geschützt. Auch ohne Ausbildung kann sich grundsätzlich jeder Berater nennen. Die IALB bietet mit dem Zertifikat CECRA (Certificate for European Consultants in Rural Areas) einen europaweiten Standard für die beratungsmethodische Qualifizierung von land- und hauswirtschaftlichen Beratern. Weitere Informationen im Internet unter http://www.cecra.net.

 

4. Die Agrar-Lernlandschaft: Bedeutung der Beratung im Rahmen des agrarischen Bildungsangebots

In einigen Schweizer Kantonen, österreichischen und deutschen Bundesländern und in Südtirol gibt es die bewusste Verknüpfung zwischen „Bildung und Beratung“. Landwirtschafts- und Hauswirtschaftslehrer haben auch Beratungsaufgaben. In anderen Kantonen und Bundesländern gibt es eine stärkere Trennung mit hauptamtlichen Lehren und spezialisierten Vollzeitberatern.

 

Institutionalisierte Bildung findet statt in Form von Berufsschul- oder Fachschulunterricht, in den einschlägigen Studiengängen an Hochschulen und Universitäten oder in formalisierten  Bildungsprogrammen mit Möglichkeit zur Erlangung eines Berufsabschlusses oder eines Zertifikates.

 

Die weniger formalisierte Beratung als individualisierte, auf konkrete Fragestellungen bezogene Tätigkeit kann ebenfalls, wie oben beschrieben, als Teil des Bildungsangebots eines Beratungsdienstes, einer Institution oder des Agrarbereichs allgemein gesehen werden.

 

Das gemeinsame Ziel aller Bildungsformen ist grundsätzlich der Wissenstransfer und die Vermittlung von Kompetenzen. Zahlreiche Beratungsangebote von Beratungsdiensten aus dem ländlichen Raum verfolgen eindeutig Bildungsziele. Dazu gehören verschiedene Qualifizierungsmaßnahmen für Bauern und Bäuerinnen und weitere Akteure im ländlichen Raum in Form von Lehrgängen, Tagungen, Seminaren oder Kursen, Feldtagen, Exkursionen sowie die Arbeitskreisarbeit und weitere aktiv gestaltete Beratungsangebote. Bei all diesen Bildungsangeboten erfolgt im hohen Maße Wissenstransfer. In praxisorientierten Lehrgängen können Fertigkeiten eingeübt oder der Einsatz neuer Technik erlebt und ausprobiert werden. Innovationen werden verbreitet. Die Beratungsdienste agieren mit diesen Angeboten als gestaltende Kraft im ländlichen Raum.

 

Auch in einzelbetriebliche Beratungen wie strategische Unternehmensberatungen und sozioökonomische Beratungen von bäuerlichen Familienbetrieben geht es um das Erlernen von etwas Neuem. Wie können wir beispielsweise mit neuer Technik effizienter und gesundheitsschonender Arbeiten? Was heißt es für uns, einen neuen Betriebszweig hinzufügen oder eine außerlandwirtschaftliche Tätigkeit aufzunehmen? Was muss ich tun, um wachsen zu können? Bei solchen Fragestellungen ist von Beraterseite Veränderungsmanagement gefragt.

 

Eine fundierte Ausbildung z. B. über die Fachschulen ist für landwirtschaftliche Unternehmer der Erfolgsfaktor schlechthin. Die Anforderungen an die Betriebsleiter sind sehr hoch. Neben produktionstechnischem Wissen und Können werden unternehmerische Fähigkeiten immer wichtiger.

Je besser die Ausbildung des Betriebsleiters, desto erfolgreicher wirtschaftet das Unternehmen.

Um dauerhaft erfolgreich zu bleiben, ist es für landwirtschaftliche Unternehmer notwendig, sich auch nach Abschluss der Ausbildung ständig weiter fortzubilden.

Neues Wissen und technischer Fortschritt werden heute in einem bisher ungeahnten Tempo generiert. Um wettbewerbsfähig zu bleiben, müssen neue Erkenntnisse erfasst und in die Praxis umgesetzt werden. Auf der Schulschlussfeier der Landwirtschaftsschule werden die Absolventen der Fachschule auf lebenslanges Lernen in unserer Wissensgesellschaft eingeschworen. Es zeigt sich, dass gerade die erfolgreichen Landwirte vermehrt Weiterbildung in Kombination mit Beratung in Anspruch nehmen. Mit Erfolg:

Landwirtschaftsberatung hat nachweislich einen wesentlichen Effekt auf die Wertschöpfung und Beschäftigung im ländlichen Raum. Beispielsweise haben die Mitglieder des vom Landwirtschaftsamt  Tirschenreut betreuten Arbeitskreises „Wirtschaftliche Milchviehhaltung“ eine über 1.000 kg höhere Milchleistung pro Kuh und Jahr als vergleichbare Betriebe (siehe Tabelle).

 

 

Landwirtschaftsberatung hat zudem eine Scharnier- oder Gelenkfunktion zwischen den Nachfragern und den eigenen oder von anderen Partnern und Dienstleistern im ländlichen Raum angebotenen Ausbildungs- und Weiterbildungsangeboten und weitergehenden Beratungsangeboten. Die Beratung steht auch für einen professionellen Innovationstransfer, also die Vermittlungsfunktion zwischen Forschung, Industrie und Praxis.

 

Beratung nimmt durch den intensiven persönlichen Kontakt zu den Menschen im ländlichen Raum bewusst die zentrale aktive Vermittlerrolle zwischen Individuum und Institutionen ein.

 

5. Innovationen fördern
Die aktuelle Diskussion über die Rolle und Aufgaben von Beratungsdiensten fokusiert auf das Innovationsmanagement. Das Ziel von landwirtschaftlicher Beratung ist, Innovationen in der Landwirtschaft besser zu fördern. Auch GFRAS, der weltweite Dachverband ländlicher Beratungsdienste, stellt in seinem unter den Mitgliedsorganisationen abgestimmten Positionspapier „The New Extensionist“ zu seinem Selbstverständnis von Beratung das Innovationsmanagement in den Mittelpunkt. Innovation – das ist ein Prozess, der einen Austausch und Wissensfluss zwischen zahlreichen Akteuren erfordert. GFRAS tritt für eine starke Rolle der Beratungsdienste innerhalb von Agrar-Innovationssystemen (AIS) ein. Der AIS-Ansatz konzentriert sich auf den Austausch zwischen der breiten Palette von Akteuren, die notwendig sind für Innovationen, und auf den Austausch zwischen den Institutionen und der Auseinandersetzung mit den verschiedenen strategischen Ansätzen, welche wiederum diesen Austausch beeinflussen.

Auch die gemeinsame Beschäftigung und Auseinandersetzung mit Innovationen ist ein Lernprozess, da Neues Bestehendes verändert oder zumindest in Bewährtes intergiert werden muss.

Der Blick auf Beratung erweitert sich beim Innovationsmanagement von der individuellen Einzel-Beratung auf die überbetriebliche Ebene und betont insbesondere die Vernetzungsarbeit. Hintergrund ist die These, dass sich Innovationen nicht sinnvoll und erfolgreich mit einem einzelbetrieblichen Ansatz umsetzen lassen und Innovationen heute in der Regel einen kooperativen Ansatz erfordern. Beispiele aus der Beratungspraxis sind neue Wege in der Vermarktung und Verarbeitung landwirtschaftlicher Erzeugnisse, der überbetrieblichen Einsatz von Maschinen, um den technischen Fortschritt nutzen zu können oder Ansätze, die den ländlichen Tourismus einer Region fördern oder die Arbeitskreisarbeit in verschiedensten Bereichen.

Das heißt für Beratungsdienste, dass ihnen die Steuerung oder Moderation von kooperativen Lern-Prozessen zu einer Aufgabe erwächst, bei der zwischen Interessen unterschiedlicher Akteure zu vermitteln ist und Aufgaben in den  Bereichen Soziales Lernen, Konfliktmanagement, Organisationsentwicklung und Verhandlungsführung wahrzunehmen sind.

Um Innovationen in der Landwirtschaft besser zu fördern, sollten Beratungsdienste im Sinne des „New Extensionist“ eine große Bandbreite von Rollen wahrnehmen. So verstanden heißt dies: Beratung ist Innovationsmanagement.

Hierzu gehört

  • das Entwickeln von Netzwerken,

  • Erzeuger zusammen bringen,

  • den Zugang zu Krediten, Betriebsmitteln und Vermarktungsmöglichkeiten vermitteln,

  • Innovationsplattformen ins Leben zu rufen,

  • Geschlechtergerechtigkeit unterstützen,

  • Wissensmanagement organisieren,

  • die Anpassung an den Klimawandel fördern und

  • neues Wissen durch Training und Weiterbildung verbreiten.
    (aus: GFRAS: „New Extensionist“ übersetzt ins Deutsche)

     

Um diese Rollen erfüllen zu können, brauchen Beratungsdienste neue Kompetenzen auf der individuellen, organisatorischen und Sektor-Ebene. Beratungsdienste müssen sich hierauf einstellen, die Anforderungen insbesondere an die methodisch-kommunikativen Kompetenzen der Berater steigen.

Der „New Extensionist“ steht somit für Veränderungen in der Organisation von Beratungsdiensten, Beratungssystemen und deren unterstützenden Umwelt, in Verbindung mit der Weiterbildung verschiedenster Einzelpersonen, damit sie noch erfolgreicher dazu beitragen zu können, dass die Produktivität und Effektivität in der Landwirtschaft verbessert wird, um wiederum die Lebensumstände von Bauern zu verbessern.

Die EU fördert ab 2015 in der ELER-Verordnung landwirtschaftliche Beratungsdienste und hat ganz im Sinne des Innovations-Ansatzes ein eigenes Programm im Rahmen der Europäischen Innovationspartnerschaft (EIP) aufgelegt, die EIP „Landwirtschaftliche Produktivität und Nachhaltigkeit“.  Hier sollen Landwirte, Wissenschaftler und Berater und weitere Akteure in „operationellen Gruppen“ vernetzt werden. Ziel ist, Innovationen in der Landwirtschaft zu fördern und voranzutreiben und die „Lücke zwischen Forschung und Praxis zu schließen“. Inge van Oost, von der Generaldirektion Landwirtschaft der EU-Kommision definiert Innovation folgendermaßen: „Innovation, das ist eine erfolgreich in Tat umgesetzte Idee.“Eine kreative Idee an sich bleibt eine Idee, wenn sie nicht Verbreitung findet.

 

6. Folgerungen aus diesem erweiterten Beratungsverständnis

Auf Beratung im ländlichen Raum kann nicht verzichtet werden. Sie ist erforderlich, um bäuerliche Betriebe gezielt zu unterstützen in einem Umfeld, in dem die Anforderungen an die unternehmerisch tätigen Betriebsleiter immer weiter steigen und Märkte weiter liberalisiert werden. Die unvergleichbare Vielfalt der Aufgaben eines Landwirts macht diesen Beruf so attraktiv: Ein Landwirt ist Profi in der Tierhaltung, erfolgreicher Ackerbau, ertragreiche Grünlandbewirtschaftung, im Einklang mit Tierwohl-, Natur- und Umweltanforderungen, guter Chef, Betriebswirt, Manager, Handwerker, Techniker, Fit in Förderfragen, Buchführung und Steuern, Öffentlichkeitsarbeit und Interessenvertretung und vieles mehr. Ein Landwirt alleine kann heute allerdings nicht mehr all diese Bereiche in gleicher Qualität beherrschen. Eine fundierte Ausbildung der Bäuerinnen und Bauern und die Unterstützung durch neutrale Beratungsdienste ist der Weg, wie die Landwirtschaft auch in kleinstrukturierten Regionen nach wegfallender Agrarpreisregulierung und rückläufigen Ausgleichszahlungen gestärkt werden kann.

 

Innovationen verbreiten sich nicht von alleine. In Europa produzieren Universitäten, Hochschulen und Landesanstalten in zahllosen Forschungsprojekten und praktischen Versuchsanstellungen neues Wissen. Ebenso gehen von vielen Vorreitern aus der landwirtschaftlichen Praxis und aus dem vor- und nachgelagerten Bereich Innovationen aus, die verbreitet werden sollten. Alleine in der Landtechnik ist der technische Erfindergeist und Fortschritt ungebremst. Gut ausgebildete Berater gewährleisten diesen von vielen Seiten geforderten Wissens- und Innovationstransfer.

 

Land- und Hauswirtschaftliche Beratungsdienste bieten professionelles Innovationsmanagement.  Beratung vermittelt dabei den Betriebsleitern zielgenau Wissen, Kompetenzen und Lernmöglichkeiten.

 

Die Landwirtschaftsberatung erfüllt so einen wichtigen Bildungsauftrag mit strukturfördernder und spürbarer volkswirtschaftlicher Wirkung. Das Zusammenspiel zwischen Beratung und Bildung im ländlichen Raum ist notwendig, um die hohe Qualität der vorhandenen Aus- Fort- und Weiterbildungsangebote zu gewährleisten

 

Der ländliche Raum steht im Mittelpunkt wichtiger gesellschaftlicher Interessen, wie dem Ressourcenschutz und der Stärkung des ländlichen Raumes vor dem Hintergrund einer Reduzierung der Abwanderung in Ballungszentren und einer ausreichenden Infrastruktur. Konkret formulierte gesellschaftliche Ziele können über Beratung konsequent verfolgt und umgesetzt werden. Sie ist somit ein effizientes Instrument der politischen Umsetzung.

 

 

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